Soziographie

Privatisierung als Gottesdienst. Eine soziographische Fallstudie

Home / 2012 Elim-Abriss Erste Hälfte /

1926 Elim - Ein Bau mit Patientengarten

1926 Elim Patientengarten.jpg 1926 - Der Architekt Friedrich Theodor SpeckbötelThumbnailsFriedrich Heitmüller, Elim-Chef1926 - Der Architekt Friedrich Theodor SpeckbötelThumbnailsFriedrich Heitmüller, Elim-Chef1926 - Der Architekt Friedrich Theodor SpeckbötelThumbnailsFriedrich Heitmüller, Elim-Chef1926 - Der Architekt Friedrich Theodor SpeckbötelThumbnailsFriedrich Heitmüller, Elim-Chef1926 - Der Architekt Friedrich Theodor SpeckbötelThumbnailsFriedrich Heitmüller, Elim-Chef1926 - Der Architekt Friedrich Theodor SpeckbötelThumbnailsFriedrich Heitmüller, Elim-Chef1926 - Der Architekt Friedrich Theodor SpeckbötelThumbnailsFriedrich Heitmüller, Elim-Chef

Diskretionsabstand

■ Die Geschichte das Krankenhausbaus ist eng verbunden mit der Epoche der Aufklärung und daher mit dem Wandel des menschlichen Selbstbildes, der zuallererst in der Medizin zu greifbaren Konsequenzen führt. Die Neuorganisation des Spitalwesens, die Entstehung der modernen Klinik und ihre Abkoppelung von den ärztlichen Praxen, die Entschleierung des Körperinnenraums und die neuen ärztlichen Fachsprachen - all dies war Zeichen eines grundlegend neuen, rationalen Umgangs mit Krankheit und Tod. Die Krankheit ist nicht mehr das Unheil schlechthin, sondern ein Netz von Symptomen, das der ärztliche Blick leidenschaftslos freilegt.

■ Mit diesem Selbstverständnis wurde das Krankenhaus zu einem besonderen, von der Umwelt abgetrennten Ort. Zuerst sehr kasernenartig organisiert und mit großen Bettensälen ausgestattet, räumte man den Einzelnen mit der Zeit nicht nur aus hygienischen Gründen mehr Raum ein. Die Kliniken bekamen nun kleinere Zimmer mit weniger Betten, man achtete mehr auf gute Lüftung und Tageslicht.

Ein Patientengarten wurde spätestens seit der Gründung allgemeiner Krankenhäuser zum Standard. Dabei wurde vorausgesetzt, dass der Raum des Krankenhauses vom öffentlichen Raum strikt getrennt werden sollte.
Das gilt im Prinzip bis heute. Eine Situation wie beim Hamburger Agaplesion-Klinikum, wo Patienten sich am Straßenrand sonnen und den öffentlichen Bürgersteig als Klinik-Promenade nutzen, gibt es sonst nirgends.
.

■ Als 1926 das Elim-Krankenhaus geplant wurde, berücksichtigte der Architekt Speckbötel die neusten Erkenntnisse auf dem Gebiet des Krankenhausbaus. Das gilt auch für die Anordnung des Baus im öffentlichen Raum. Man kann das auf diesem Foto gut erkennen:

- Das Hospital liegt nicht direkt am Straßenrand, sondern ausreichend weit zurück.

- Die meisten Fenster liegen an dem seitlichen Flügel und im Innenbereich, also abseits von der Straße. Die Passanten bekommen von dem ganzen Klinikbetrieb überhaupt nichts mit außer der Anfahrt, die hier ebenfalls sehr diskret gelöst ist.

- Auch der Wirtschaftshof ist von außen nicht einsehbar, denn er befindet sich auf der Rückseite des Gebäudes.

.

■ Von diesem Klinikbetrieb gingen zwischen 1927 bis 2010 keinerlei Übergriffe auf den öffentlichen Raum aus. Das zu wissen ist wichtig für die Beurteilung der Übergriffe, die heute von der benachbarten Agaplesion-Klinik ausgehen. Bei der Kritik an dieser Klinik geht es nicht darum, dass eine Klinik in einem Wohnviertel liegt, sondern daraum, dass man in einem Wohnviertel eine Klinik nicht nur auf einen Erholungsraum, sondern sie auch noch ohne eigenes Klinikgelände baute.

Vor allem dieser Umstand ist die Quelle zahlreicher Übergriffe auf die Öffentlichkeit und von Zumutungen, die in dieser Form nach unseren Recherchen europaweit einzigartig sind.


---

Literatur

Michel Foucault
• Die Geburt der Klinik

Hans-Dieter Nägelke
• Krankenhausarchitektur im aufgehenden 19. Jahrhundert

Dieter Schiffczyk
• Bauform – Bausystem – Typologie. Die Entwicklung des Krankenhausbaus im 20. Jahrhundert

Dankwart Leistikow
• Hospitalbauten in Europa. Ein Beitrag zur Geschichte des Krankenhausbaus

Historia Hospitalium
• Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte 2010 – 2011, Band 27

Quelle:
ARCHIV KRANKENHAUSBAU DES XX. JAHRHUNDERTS